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Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland im Dialog mit Ärztinnen und Ärzten über jüdisches Leben in Deutschland (PM der LÄK RLP v. 30.09.2020)

Eine Vertreterversammlung der ganz besonderen und bisher noch nicht dagewesenen Art haben die Delegierten der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz in Mainz erlebt. Denn neben den traditionellen Regularien lag der Schwerpunkt auf einem Thema, das abseits ärztlicher Selbstverwaltung liegt: dem jüdischen Leben in Deutschland. Herausragender Höhepunkt war hier der Gastvortrag von Dr. med. Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Schuster berichtete über den jüdischen Alltag in Deutschland, sprach offen über Antisemitismus und wie man diesem begegnen kann und erläuterte die Schwerpunkte des Zentralrats.


Auch den Arztalltag kennt Schuster aus eigener Erfahrung: Denn trotz seiner aufwändigen Arbeit als Präsident des Zentralrats der Juden „war mein Hauptberuf Internist mit dem Schwerpunkt auf der Gastroenterologie“. 30 Jahre lang war Schuster internistisch tätig; seine Praxis in Würzburg hat er in diesem Sommer altersbedingt abgegeben.

 

Schuster erinnerte daran, dass 2020 ein großes Gedenkjahr ist: die Befreiung vom Nationalsozialismus vor 75 Jahren sowie die Befreiung der Konzentrationslager und die Gründung des Zentralrats der Juden vor 70 Jahren. Der Zentralrat übernahm „von Beginn an im Grunde widersprüchliche Aufgaben“, so Schuster: die Unterstützung der neuen Gemeinden und die Hilfe für die Auswanderung. In den 1950er Jahren kam eine weitere Aufgabe hinzu: die Entschädigung.

 

Rund sieben Jahrzehnte später haben sich nach seinen Angaben nicht nur die Aufgaben des Zentralrats stark verändert. Auch die Zusammensetzung der jüdischen Gemeinschaft sei eine völlig andere als damals. Beispielsweise begleite die Einwanderung von Juden „uns seit Jahrzehnten stärker als die Auswanderung“. Derzeit haben die 105 Gemeinden, die zum Zentralrat der Juden gehören, rund 96.000 Mitglieder und bestehen zu etwa 90 Prozent aus Zuwanderern aus den ehemaligen GUS-Staaten und deren Nachkommen. Schuster: „Wir haben in den 1990er Jahren schnell begriffen: Integration passiert nicht von selbst. Dafür muss man aktiv etwas tun. Und echte Integration dauert in der Regel eine Generation.“

 

Wichtige Aufgabe sei es, so in die Politik und Gesellschaft hineinzuwirken, dass die jüdische Gemeinschaft ihre Zukunft in Deutschland sehe und nicht im Ausland. „Das Motto ‘In Deutschland Zuhause‘ drückt unser Selbstverständnis sehr gut aus: Wir sehen uns als selbstverständlichen und integralen Bestandteil dieser Gesellschaft“, so Schuster.

 

Antisemitismus sei in der Tat eine Alltagserfahrung von Juden geworden; besonders auch durch Anfeindungen im Internet und auf der Straße. Ebenso sei es leider eine Tatsache, dass es Viertel in deutschen Großstädten gibt, in denen es nicht ratsam sei, mit einer Kippa oder mit einem Davidstern-Anhänger an der Halskette herumzulaufen. Schon lange würden jüdische Eltern ihre Kinder warnen, vorsichtig zu sein. Etwas neuer sei die Entwicklung, dass Gemeindemitglieder die Gemeindezeitung in einem neutralen Umschlag bekommen möchten, damit ihre Nachbarn nicht merken, dass sie jüdisch seien, ergänzt der Zentralrats-Vorsitzende. Vor allem finde Ausgrenzung im Internet statt. „Was früher ein Tabu war, wird heute ausgesprochen, und zwar vor allem in den sozialen Netzwerken. Alte judenfeindliche Stereotype werden dort in einer beängstigenden Häufigkeit reproduziert. Der Antisemitismus im Netz führt zu einer Relativierung des Holocausts auf der Straße“, bringt Schuster die Erlebnisse auf den Punkt. 

 

Wie entsetzlich die Folgen des Hasses im Netz sein können, habe sich im vergangenen Oktober in Halle gezeigt. Die Konsequenz: zum einen müssen jüdische Einrichtungen stärker geschützt werden als bisher; zum anderen müsse man gesellschaftlich auf allen Ebenen und in allen Bereichen stärker gegen Antisemitismus vorgehen.

 

Ein Geheimrezept dafür gebe es nicht. Doch folgende Bereiche sind für Schuster wesentlich, um Antisemitismus wirksam zu bekämpfen: die staatliche und rechtliche Ebene, eine konsequente Strafverfolgung und durch eine schlagkräftige Justiz sowie die Bildung.

 

Vor allem Schulen nehmen seiner Ansicht nach bei der Bekämpfung des Antisemitismus eine Schlüsselrolle ein. Es gebe noch zu viele Wissensdefizite. Deutsch-jüdische Geschichte sei definitiv nicht auf den Zeitraum von 1933 bis 1945 beschränkt. Es handele sich vielmehr um eine 1.700-jährige Geschichte, die in ihrer ganzen Breite in der Schule Raum finden sollte. „Es sind Politiker, die gewählt werden, obwohl sie gegen Minderheiten hetzen, die Religionsfreiheit in Frage stellen und völkisches Denken verbreiten. Sie nutzen sowohl skrupellos die Lücke, die durch das nicht vorhandene Wissen da ist, als auch den Überdruss, der entsteht, wenn junge Menschen den Eindruck bekommen, sie müssten sich schuldig fühlen für die deutsche Vergangenheit. Von den Rändern her fangen die Rechtspopulisten an, unsere demokratischen Errungenschaften zu untergraben. Dieses Einfallstor müssen wir wieder schließen“, fordert Schuster.

 

Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit haben auch in der Ärzteschaft stattgefunden, berichtete Schuster weiter. Gerade in den vergangenen Jahren haben viele ärztliche Berufsverbände ihre NS-Vergangenheit erforschen lassen und die Ergebnisse publiziert. Schuster: „Es ist auch für Mediziner wichtig, sich diesem dunkelsten Kapitel der Medizingeschichte in Deutschland zu stellen“ In diesem Zusammenhang lobte der Zentralrats-Vorsitzende das Engagement von Ärztekammer-Präsident Dr. Günther Matheis, die sogenannte „Rassen-Hygiene“ für den Raum Trier aufarbeiten zu lassen.

 

Das Verantwortungsbewusstsein, nie wieder auch nur in die Nähe einer menschenverachtenden Politik und Gesellschaft zu rücken, müsse in allen Diskussionen zu merken sein. Schuster: „Auch unser Berufsstand muss von diesem moralischen Impetus geleitet sein. Es gilt schon im medizinischen Alltag sich selbst kritisch zu hinterfragen: Grenze ich jemanden aus? Unterscheide ich manchmal zwischen ‚wir‘ und ‚die‘? Behandle ich manche Menschen nur aufgrund ihrer Hautfarbe anders?“ Jeder könne lernen und aufmerksamer werden für solche Feinheiten, fügt Schuster hinzu. Und er habe den Eindruck, dass derzeit in Deutschland sich auch viel Positives in diese Richtung tue. Es sei die Mehrheit, die signalisiere: „Deutschland ist euer Zuhause, wie es unser Zuhause ist. Dieses Zuhause lassen wir uns nicht nehmen!“

 

Auch Landesärztekammer-Präsident Dr. Günther Matheis betont während der Vertreterversammlung, dass das Thema Vergangenheitsbewältigung nicht allein den Historikern überlassen werden dürfe: „Jeder von uns muss wachsam bleiben!“ Deshalb sei es ihm auch ein so wichtiges Anliegen gewesen, die Verstrickungen von Medizinern mit den Nationalsozialisten und deren Gräueltaten offenzulegen und eine entsprechende wissenschaftliche Arbeit hierzu zu unterstützen.

 

Ehrliche Aufarbeitung sei auch eine Art Mahnung. Man müsse sich immer wieder für eine demokratische und humane Gesellschaft einsetzen und Antisemitismus in all seinen Formen klar und entschieden entgegentreten, fordert der Ärztekammer-Präsident.

 

An den wachsenden antisemitischen Übergriffen übt er heftige Kritik. Der Verfassungsschutz habe beispielsweise in seinem neuen Bericht darauf hingewiesen, dass der Rechtsextremismus zur größten Bedrohung der Demokratie in Deutschland geworden sei. „Hier dürfen wir nicht wegsehen“, so Matheis: „Wir sind alle gemeinsam in der Verantwortung, dafür zu sorgen, dass sich alle Menschen jüdischen Glaubens bei uns willkommen, akzeptiert und Zuhause fühlen. Denn vielfältiges jüdisches Leben bereichert unser Land.“



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Copyright | 2020 Bezirksärztekammer Trier. Letzte Aktualisierung: 15.05.2018
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